Digitale Transformation kann man umfahren. Oder umfahren.

Veröffentlicht am 5. Oktober 2026 um 10:05

Autor: Stephan Schmitz, ausgebildeter Koch, Lebensmitteltechnologe im KI-Management

Ein befreundeter Linguist hat mich kürzlich auf eine bemerkenswerte Eigenheit der deutschen Sprache aufmerksam gemacht:

„Umfahren“ und „umfahren“ können – je nach Betonung – das genaue Gegenteil bedeuten.  Aah, Hopplaa!

Transformation kennt ein ähnliches Phänomen wie diese Janus*-Worte (aka Contranyme) in der Sprachwissenschaft.

Ein Unternehmen kann ein erkanntes Problem umfahren:

Den Engpass analysieren, Risiken sichtbar machen und einen belastbaren Weg um das Hindernis herum entwickeln.

Oder es kann das Problem umfahren:

Mit Technologie, Budget und Projekt-Geschwindigkeit darüber hinweggehen – in der Hoffnung, dass sich organisatorische Widerstände, ungeklärte Verantwortlichkeiten oder fehlende Entscheidungen später irgendwie in Luft auflösen.

* Römische Gottheit mit zwei Gesichtern


Die Schreibweise bleibt gleich. Der Ausgang nicht.

Genau darin liegt unter VUCA- und BANI-Bedingungen eine zentrale Herausforderung moderner Transformationsprojekte.

Volatilität, Unsicherheit, Komplexität, Brüchigkeit und schwer vorhersehbare Wechselwirkungen erhöhen den Entscheidungsdruck – und gleichzeitig das Risiko vorschneller Technologie-Entscheidungen.

Das ist wie bei einer Rezeptur, die auf dem Papier sauber definiert ist, während Rohstoffqualität, Chargengröße und Prozessverhalten in der Praxis trotzdem variieren. Wer darauf mit einer vorschnellen Technologie-Entscheidung reagiert, optimiert womöglich nicht den Prozess – sondern digitalisiert nur dessen Schwankungen.

Deshalb reicht technische Machbarkeit allein nicht aus.

Vor einem KI-, Automatisierungs- oder Robotik-Pilot sollte eine weitere Frage beantwortet werden:

Ist das Management organisatorisch tatsächlich bereit, das Pilot-Projekt zu tragen?

Dabei geht es nicht darum, Führungskräfte psychologisch zu bewerten. Entscheidend sind beobachtbare Projektbedingungen:

  • Gibt es einen klaren Sponsor?
  • Werden Ressourcen verbindlich freigegeben?
  • Können Entscheidungen nachvollziehbar getroffen werden?
  • Werden auch unangenehme Prozessbefunde akzeptiert?

Projektbezogene »Management-Readiness« lässt sich evidenzbasiert beurteilen. 


Management Readiness:  welche kritischen Dimensionen sind entscheidend?

Fazit

Für Food:Tech:Future ist die in dieser Matrix kritisch hinterfragte Veränderungsbereitschaft im Projektkontext kein weicher Begleitfaktor, sondern Teil einer belastbaren Entscheidungsvorbereitung.

Denn bevor aus einem technisch interessanten Use Case ein Pilot-Projekt wird, müssen Prozessrealität, Umsetzungsreife, Entscheidungsfähigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit zusammenpassen. Genau deshalb gehört »Management Readiness« aka Veränderungsbereitschaft in die Logik aus Prozess-Struktur-Analyse (PSA), Reifegrad-Check, Lösungsarchitektur-Analyse (LAA) und ROI-Betrachtung.

Der FTF-Grundsatz in unseren Leistungsmodulen bleibt damit konsequent: Klarheit vor Investitionen.

Wer Sponsorship, Ressourcen, Verantwortlichkeiten und Veränderungskapazität nicht prüft, bewertet nur die technische Lösung – nicht, ob das Unternehmen sie tatsächlich erfolgreich umsetzen und den erwarteten Nutzen realisieren kann.