Gastbeitrag von Ing. Elisabeth Eglseer, Lebensmitteltechnologin und Qualitätsmanagerin
2026 ist das Jahr, in dem künstliche Intelligenz massentauglich wurde. Es ist das Jahr, in dem ein KI-Tool nach dem anderen das Licht der Welt erblickt. Es ist aber auch das Jahr, in dem sich KI-Bots gegenseitig haken und Datenschutz relevanter wird wie je zuvor.
Ich möchte gerne meine Erfahrungen teilen, wo ich die wirklichen KI-Gamechanger im Qualitätsmanagement sehe. Die guten Seiten, wie auch die bedenklichen Aspekte beleuchten.
Als freiberufliche Lebensmitteltechnologin und Qualitätsmanagerin nehme ich dich mit auf eine Reise ins Reich der unbegrenzten KI-Möglichkeiten. In meiner Funktion als „QM auf Zeit“ geht es um effiziente Arbeitsweise, umfangreiche Recherche und fundierte Berichte. Und ja, ich arbeite dabei täglich mit künstlicher Intelligenz.
Gamechanger Nr. 1: Recherche und wöchentliches Reporting
Aktuelle Lebensmittelrückrufe, geplante Gesetzesänderungen, Normrevisionen, Zugriffszahlen auf Homepage und Social Media, etc.
Jede Woche das gleiche Spiel: Manche Zahlen, Daten und Fakten gehören regelmäßig überprüft, um nichts zu verpassen und kurzfristig handeln und gegensteuern zu können. Diese Tätigkeit frisst Zeit und oft auch Nerven.
Mit Unterstützung von KI bekomme ich pünktlich, jeden Montag um 8 Uhr einen umfangreichen Bericht. Mit genau den Daten, die ich für relevant eingestuft habe und in der Darreichungsform, wie ich es gerne und am liebsten schnell konsumiere. Für mich eine Arbeitsersparnis von mehreren Stunden pro Woche und ein immenser Wissensvorsprung am Anfang der Woche.
Etwas anders verhält es sich mit Recherche-Arbeiten. Gerade komplexe Gesetze und Rechtstexte verleiten gerne dazu, die KI um Rat zu fragen. Hier musste ich leider schon feststellen, dass es vermehrt zu Fehlern kommt, wenn es darum geht die letztgültige Fassung zu erhalten. In der Praxis bekomme ich dabei immer wieder ältere oder nicht letztgültige Fassungen als Ergebnis.
Nun sind wir bereits beim wichtigsten Punkt bei KI-Anwendungen: KI kann Fehler machen und macht sie auch. Somit ist unser Urteilsvermögen gefragt bei der Kontrolle der Aussagen. Kleiner Tipp nebenbei: Lass dir bei Recherchetätigkeiten die Quellen nennen, dann kannst du diese schnell und ordentlich überprüfen.
Gamechanger Nr. 2: QM-Dokumentation
Wer kennt sie nicht, die 10-seitige Arbeitsanweisung, die nur wenige je ganz gelesen haben und vermutlich nur der Auditor wirklich kennt. Als Verfechterin eines modernen und gelebten Qualitätsmanagements ist das mein Endgegner. Und wer hätte gedacht, dass gerade hier sich KI als sehr wirksam entpuppt hat.
Mit verschiedenen Prompts (Beispiele findest du auf www.elisabetheglseer.at) ist es möglich, das umfangreiche Prosa-Werk auf die wesentlichen Punkte zu kürzen und visueller zu gestalten. So, dass sie von der Mannschaft im Betrieb auch tatsächlich gelesen und verstanden werden. Oft kann man dadurch auch Sprachbarrieren durchbrechen und echtes Verständnis erreichen.
Aber Achtung, hier gibt es auch etwas Wesentliches zu bedenken: Mit dem Upload von firmeninternen Dokumenten müssen wir uns fragen, wo die Daten landen und was mit diesen Daten passiert. Nicht blind alles hochladen. Diese Vorsicht ist bei allen KI-Anwendungen geboten und speziell beim nächsten Anwendungsfall.
Gamechanger Nr. 3: Das KI-Audit
Was bisher mühsam durch interne und externe Audits zusammengetragen werden musste, geht mit KI innerhalb weniger Augenblicke: Eine umfassende Dokumentenprüfung.
Zumindest im Idealfall, denn wenn man Datenschutz kritisch mitdenkt, sind wir in der Praxis bisher nicht ganz so weit.
Denn KI kann etwas, was kein Auditor dieser Welt kann: viele Dokumente und Daten zusammenzutragen, auszuwerten und gegeneinander zu prüfen. Ein menschliches Audit bleibt immer eine Stichprobenprüfung, ein KI-Audit dagegen ist umfangreich.
Gibt es Inkonsistenzen zwischen den Dokumenten, sind sie verständlich, decken sie alles ab, sind sie angemessen und aktuell? Diese und noch viel mehr Fragen beantwortet dir die KI.
Und im Idealfall gibt sie dir sogar konkrete Verbesserungsvorschläge. QM-Systeme können dadurch auf ein neues Niveau gehoben werden. Aber wie bei der QM-Dokumentation bereits angemerkt: stellt vor Beginn sicher, was mit deinen Daten passiert. Wo gehen sie hin, wer hat Zugriff und wo werden sie ev. gespeichert und weitergegeben.
Leider können diese Fragen nur bei firmeninternen KI-Lösungen eindeutig beantwortet werden. Und somit ist dieser Punkt aktuell noch ein bisschen Fiktion.
Jetzt stellt sich natürlich noch die Frage, ob zukünftig Audits dadurch überflüssig werden. Da sag’ ich ganz klar NEIN. Aber die Auditpraxis wird sich verändern. Die Dokumentenprüfung kann zukünftig vielleicht die KI übernehmen, einen Rundgang, die Gespräche mit den Mitarbeitern und die praktische Umsetzung im Betrieb kann eine KI jedoch nicht übernehmen.
Gamechanger Nr. 4: Endgegner Excel
Als Qualitätsmanager arbeiten wir täglich mit vielen Daten. Messergebnisse, Reklamationsstatistiken, KPIs etc. sind unser tägliches Brot. Und das Datenverarbeitungstool Nr. 1 ist natürlich Excel. Hand aufs Herz: Wie oft suchst du nach der passenden Formel, scheiterst an Hilfsspalten für die Auswertung oder bekommst einfach nicht die richtige Diagrammeinstellung zusammen?
Mit der Add-Ins-Funktion kannst du KI direkt in deinem Tool helfen lassen. Du beschreibst in Textform, wo es hakt oder was du gerne hättest und KI setzt direkt um. Das ist tatsächlich eine von mir regelmäßig genutzte Funktion und man lernt dabei tatsächlich selbst auch noch, wie es geht.
Funktioniert übrigens auch in Word und … sogar in PowerPoint. Präsentationserstellung in wenigen Minuten.
Gamechanger Nr. 5: Sparringpartner
Haha, ich sehe nun die Skeptiker direkt vor mir, wie sie die Augen verdrehen. Das ist tatsächlich eine Anwendung, die viel diskutiert, gehyped, aber auch verteufelt wird.
Die Befürworter loben KI als Sparringpartner und dass sie dadurch schneller, effektiver und besser werden. Die Kritiker argumentieren, dass die Anwender dadurch verblöden und verlernen selbstständig zu denken.
Ich denke, dass die Wahrheit irgendwo dazwischenliegt. Der wesentlichste Punkt liegt in unserer eigenen Hand:
Welches Ergebnis erwarte ich mir? Will ich meine Gedanken sortieren, kritische Rückfragen dazu erhalten und vielleicht auf neue Ideen und Wege kommen?
Dann ist KI ein hervorragender Sparringpartner. Möchte ich aber, dass KI mir die Arbeit abnimmt, anstelle von mir denkt und im schlimmsten Fall, dass ich das Ergebnis auch nicht mehr überprüfe? Dann finde ich das äußerst bedenklich. Zum Sparringpartner sage ich mit voller Überzeugung JA, die gesamte Durchführung und Verantwortung gebe ich aber nicht aus der Hand. Und sobald ich merke, dass ich Antworten einfach übernehme, ohne sie kritisch zu hinterfragen, ziehe ich die Reißleine.
Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig, soll dir aber zeigen, dass es bereits gute Anwendungsfälle im QM für künstliche Intelligenz gibt. Manche davon sind aufgrund des Datenschutzes und der Datenverwertung noch mit Vorsicht zu genießen.
Oft hört man, dass viele Jobs zukünftig durch KI ersetzt werden und da wird auch QM regelmäßig genannt. Wenn ich hier realistisch drauf blicke, komme ich zu dem Schluss, dass sich das Berufsbild aufgrund des KI-Einsatzes bestimmt verändern wird. Und trotzdem wird es auch zukünftig Qualitätsmanager geben, die dafür sorgen, dass in unseren Betrieben Standards und Regeln eingehalten werden.
Und Qualitätsmanager, die KI sinnvoll einsetzen können, werden gänzlich anders arbeiten als jene, die darauf verzichten.
Ing. Elisabeth Eglseer ist freiberufliche Lebensmitteltechnologin und Qualitätsmanagerin. Neben ihrer beratenden Tätigkeit für Lebensmittel- und Verpackungsunternehmen schreibt sie auch Fachbeiträge und veröffentlicht kreative Formate auf LinkedIn.
Anfang September erscheint ihr 1. Buch: „50 QM-Häppchen. Praktische Impulse für Qualitätsmanager im Lebensmittelbereich.“
Mehr Informationen unter: www.elisabetheglseer.at